Bach zwischen Klodeckel und Toilettenbürste

 

Musik und Literatur: Limesquartett und Ingrid El Sigai begeistern im Alten Rathaus Miltenberg

 

Miltenberg. Langweilige Lesungen sind out, neue Formen der Literaturpräsentation sind gefragt. Poetry Slam ist so eine, Literatur mit Musik eine andere. So war am frühen Sonntagabend im Alten Rathaus Miltenberg der große Saal gut gefüllt, als das Limesquartett zusammen mit Ingrid El Sigai die Bühne betrat, um zwei Stunden lang zu beweisen, wie gut sich Literatur und Musik vertragen – auch wenn sie sich scheinbar widersprechen.

 

Die Literatur: Eine von fünf Geschichten aus dem Band »Idioten« von Jakob Arjouni, fünf moderne Märchen, die zeigen, dass Feen heutzutage auch nicht mehr das sind, was sie mal gewesen sein sollen. Die Interpretin: Ingrid El Sigai, Schauspielerin und Sängerin, bekannte Sprecherin beim HR, ARD-Moderatorin, die es mit ihrer einfühlsamen, ausdrucksstarken und facettenreichen Stimme in Sekundenschnelle schafft, die Zuhörer in ihren Bann zu ziehen, für die Texte zu gewinnen und ein plastisches Bild der Szenen und Charaktere entstehen zu lassen, die Arjouni in seinen modernen Märchen gekonnt skizziert und verfremdend in den Alltag gestellt hat.

Die Geschichte um den freien Journalisten Manuel Reuter, der es genießt, dass seine Frau erfolgreich ist und zugleich darunter leidet, der seine Tage und Nächte im Szenelokal »Foret Rieder« zubringt und auch dort ein Niemand ist, entwickelt sich in El Sigais Interpretation zu einer authentischen Szene. Den exotisch-realistischen Ausschnitt der modernen Juppiewelt exportiert Sigai problemlos von Berlin nach Miltenberg. Problemlos auch deshalb, weil sie mit vier Vollblutmusikern auf der Bühne sitzt: Gudrun Jeggle (Violine), Berrit Lang (Viola), Sabine Krams (Cello) und Frank Lang am Flügel bilden das Limesquartett, Musiker, die eine harmonische Einheit bilden, sich fast blind verstehen und mit viel Mut und Einfallsreichtum Klassiker und moderne Komponisten so zusammenspannen, als wäre das nie anders gewesen.

 

Zur perfekten Beherrschung der Instrument kommt beim Limesquartett viel Empathie und oft spürbares Vergnügen den Text zu interpretieren, begleiten und zu kontrastieren. Widors verspielt-pointiertes Vivace rahmte das Programm ein, ließ Lockerheit spüren, aber auch eine Hintergründigkeit ahnen, die auf den Text Arjounis vorausdeutete.

Dass El Sigai ihre Stimme wie eine Folie über Peteris Vasks’ getragenes »Canto principale« legte, schuf einen reizvollen Effekt, das temperamentvoll-dynamische »Snow« der Funk-Rockband Red Hot Chili Pepper setzte das Limesquartett gegen Manuels Buhlen um die Liebe seines 16-jährigen Sohnes. William Waltons »Vivace« wirkte wie eine programmmusikalische Umsetzung der Schlägerei im »Foret Rieder«.

Als Manuel betrunken in der Toilette liegt und sich zwischen Klodeckel und Toilettenbürste allmählich sortiert, erklingen sanft die Töne von Bachs »Adagio«. Schließlich ging es in der kleinen Kabine auch um ganz große Themen, um »Kunst, Sex und Ewigkeit«.

Ewig wird dieser Abend vielleicht nicht im Gedächtnis bleiben, lange Zeit aber auf jeden Fall. Und das ist doch was. Heinz Linduschka

 

 

Weitere Eindrücke vom Konzert

 

Limesquartett

 

Ingrid El Sigai

Berit Lang, Viola

 

Gudrun Jeggle, Violine

Sabine Krams, Violoncello

 

Frank Lang, Klavier

Facettenreiche Stimme, Ingrid El Sigai

 

Aufmerksame Zuhörer

 

" ...  spielt mit spürbarem Vergnügen" - das Limesquartett

 

Zufriedene Zuhörer und

 

glückliche Interpreten.